Special: Feuerwasser

Die JUICE hat die 20 einflussreichsten Deutschrap-Alben aller Zeiten wählen lassen und das erste Curse-Album ist in diesem Ranking auf Platz 13 gelandet - Grund genug, euch ein paar Einblicke und Anekdoten aus der Entstehung des Albums zu liefern. Wir haben alle Fakten zum Album, Track-by-Track-Comments von Curse und seinem Team und ein abschließendes Interview.

Cover:

1.Zehn Rap Gesetze / Prod. Lord Scan für Klan Productions
2.Was ist... / Prod. Peer für DCS Productions
3.Wahre Liebe / Prod. Iman für Souls Infinite Productions
4.Leavin' Las Vegas feat. Der Klan / Prod. Lord Scan für Klan Productions
5.Ladykiller / Prod. Busy für True Busyness Productions
6.Entwicklungshilfe / Prod. Iman für Souls Infinite Productions
7.Unter 4 Augen / Prod. Busy für True Busyness Productions
8.Seance feat. Arsonists / Shabazz The Disciple/ Stieber Twins / Prod. M. Stieber & C. Stieber für Home Alone Productions
9.Hassliebe / Prod. Peer für DCS Productions
10.Kaspaklatsche feat. Der Klan / Prod. Busy für True Busyness Productions
11.Weserwasser / Prod. Lord Scan für Klan Productions
12.Auf uns ist Verlass feat. Tone / Prod. DJ Feedback
13.Licht und Schatten feat. J-Luv / Prod. Busy für True Busyness Productions
14.Schlußstrich / Prod. Busy für True Busyness Productions

Ltd Edition zzgl. :
15.Was ist (Square One Remix) / Prod. Iman für Souls Infinite Productions
16.Sufis feat. Square One / Prod. Iman für Souls Infinite Productions

Release-Date: 27.02.2000

Label: Premium Blend/Jive

Charts: 6 Wochen Top 100 Albumcharts (Peak: #31)

Verkaufszahlen: 65.000-70.000 (CDs, Vinyl, Downloads)

Aufgenommen & abgemischt: Busy

Mastering: Tony Dawsey at Masterdisk, NY

Album bestellen: Amazon | HHV

 

Reno über "Feuerwasser"

Für mich persönlich ist das Album "Feuerwasser" eines der innovativsten in der deutschen Hip-Hop-Geschichte. Ich denke, dass es zum damaligen Zeitpunkt maßgeblich an der Weiterentwicklung von Hip Hop in Deutschland beteiligt war. Den Grund dafür sehe ich in der Fähigkeit, die deutsche Sprache in einer Art zu benutzen, wie es damals nur für die Amis möglich war. Flow, Silbensetzung, Stimmung, aber auch die Instrumentalisierung waren auf höchstem Niveau und seiner Zeit voraus.
Ein weiteres unumgängliches Stilmittel dieser, ja eigentlich jeder Curse-Platte, ist die Themenbehandlung. Ich hatte immer das Gefühl, dass andere ihn für seinen einzigartigen Umgang mit den für Hip Hop so untypischen Themen beneideten und es immernoch tun. Kritik zu üben ist schließlich nur wenigen vorbehalten, nämlich jenen, die einen ähnlich starken Einfluss auf die deutsche Rapmusik haben und die dementsprechenden Skills, aber das ist ein anderes Thema.
Wie schon vorher erwähnt, wenn man an Hip Hop in Deutschland denkt, ist der Name Curse wie die geflochtene Schnur beim Angeln, ohne die geht es nämlich nicht vernünftig. Und wenn ich schon mal dabei bin, dann muss ich doch noch eine Sache loswerden. Wenn Feuerwasser eines der einflussreichsten deutschen Hip Hop Alben ist (was ja definitiv der Fall ist), was ist dann "Von Innen nach Aussen"???
Reno

 

01) Zehn Rap Gesetze

Curse: Der Song ist einer der letzten, die wir für das Album aufgenommen haben. Der Text existierte schon eine Zeit lang und ich war auf der Suche nach dem passenden Beat. Während einer Studio-Session bei Busy saßen Götz und ich im Wohnzimmer von Busys Eltern und hatten ein neues Lord-Scan-Beattape laufen, und während wir über den Song sprachen, kam der Track von Scan aus den Boxen, das war ein magischer Moment. Den Text hatte ich einige Monate vorher auf "10 Crack Commandments" von Biggie geschrieben, der auch die Inspiration für den Song war.

GG: Ich erinnere mich auch an diesen Magic Moment, in der legendären Küche von Busys Eltern (da gibt es einige "Küchengeschichten", auch vom Cora-E-Album und so weiter...). Das Scan-Beattape lief und das legendäre Intro des Beats, was nun jeder als "Zehn Rap Gesetze" kennt, fing an mit der Bassline-Melodie, und Curse und ich schauten uns an und es war klar, dass das der Beat für den Song war, den man so lange gesucht hatte. Der Song an sich wird immer etwas ganz Besonderes sein, denn letztendlich schafft er es, ohne mit dem Zeigefinger zu zeigen oder steif zu sein, wirklich aufzuzählen, worauf es bei Hip Hop ankommt und gleichzeitig den nötigen Swagger zu haben, dass er nicht mal 2 Minuten lang ist und wir dennoch ein amtliches 16mm-Video für Viva und MTV dazu gedreht haben (mit allen im Video, von den Stiebers bis Azad) und dieses Video dann auch noch auf Heavy Rotation bei den Sendern lief. Ein Classic, 2000 wie 2008!

Busy: JaJa... die gute Küche. Leider war ich nicht dabei, aber als die Jungs ins Studio kamen, um mir den Track zu präsentieren, habe ich erst mal boykottiert..."Das ist doch kein Beat"... Heute trage ich das T-Shirt mit dem Text.

Video: Zehn Rap Gesetze

 

02) Was ist?

Curse: "Was ist" war für die damalige Zeit ein eher untypischer Curse-Track: Punchlines, Gags und Sing-Sang-Hook. Ich erinnere mich, dass man mich regelrecht überreden musste, die Lyrics aufzunehmen. Rückblickend war das natürlich die richtige Entscheidung, denn vor allem live hat der Song immer ziemlich aufgeräumt.

Peer Bee: Glaube ich einer der ersten Tracks, auf dem Curse ein bisschen gesungen hat. Ich hatte den Beat in der "Bude" vorproduziert und bin zu Busy ins Studio gefahren, wo Curse dann aufgenommen hat. Während der Studiozeit bei "Feuerwasser" haben wir viel "Tekken" gespielt und indisches Essen bestellt. Gepennt habe ich in Busys alter Wohnung auf einem sehr sehr schmalen Zweisitzer-Sofa. An die Albumproduktion und vor allem die nachfolgende
"Feuerwasser"-Tour mit DCS, Tefla & Jaleel und Pyranja denke ich heute nochsehr gerne zurück. Eine prägende Zeit für mich.

Busy: Der Peer und seine 80er Samples... mann musste ich damals schrauben..nanananananana

 

03) Wahre Liebe

Curse: Im November 1999 war ich auf meiner ersten Tour als Support für Die Firma. Am ersten Abend nach Tourende saß ich zuhause, habe Musik gehört, und versucht die Eindrücke zu sortieren und zu verarbeiten. "Wahre Liebe" ist das direkte Ergebins davon, dass ich zum ersten mal wirklich gespürt und verstanden habe, was "Fame" auslösen kann. Der Beat lief als Endlosschleife (inklusive ständigem Zurückspulen...) von meinem Iman-Beattape, auf dem auch "Entwicklungshilfe" drauf war. Noch heute bekomme ich jedes einzelne Mal Gänsehaut, wenn die ersten Töne des Samples erklingen. "Wahre Liebe", das später auch die erste Single von "Feuerwasser" wurde (mit dem vielleicht schönsten Curse-Video bis heute), ist für mich der bedeutendste Track auf diesem Album. Der Text ist heute absolut so relevant wie vor acht Jahren, und er wird es auch immer bleiben.

GG: Mike rief mich eines Tages aus seiner damaligen Wohnung an, und wir haben uns gegenseitig auf dem Laufenden gehalten, was er im Studio und ich im Büro gerade machen und was die nächsten Schritte sind. In dem Zuge spielte er mir einen Song vor, den er am Vortag "mal kurz aufgenommen" hatte: Mir ist am Telefon die Kinnlade runtergeklappt, als ich "Wahre Liebe" gehört habe! Ich habe ihm sofort gesagt, dass ich das für einen absolut speziellen Song halte, und es für mich ein Singlekandidat ist. Es war einfach etwas extrem besonderes in dem Song, die Emotion, der Text, die Hook, die Art, wie Beat von Iman und Rap von Mike als Einheit zusammenkamen, ein absolut herausragender Song, gestern wie heute, der seine Faszination nicht eingebüßt hat - was man bei jedem Live-Auftritt aufs Neue festellen kann.

Iman Shahidi/Producer: Ich finde eigentlich, dass die Songs für sich selbst sprechen, etwas dazu zu schreiben fällt mir ziemlich schwer (ich bin ja auch kein MC!!), aber fast jedes mal, wenn ich "Wahre Liebe" höre, muss ich an den "Entstehungsmoment" denken:  Ich kann mich heute noch ganz genau daran erinnern! Es war zwischen 2 und 3 Uhr nachts, ich konnte nicht schlafen, also stand ich auf und hörte mir ein paar Platten an. Plötzlich hörte ich dieses Sample! In den Sampler damit, geschnitten, eingespielt! Dann paar Drums gesampelt, eingespielt, Bass noch dazu und ca. eine Stunde später lag ich wieder in meinem Bett! Und diesmal schlief ich sofort ein!
Heute muss ich sagen, dass "Wahre Liebe" das perfekte Beispiel dafür ist, was entstehen kann, wenn die Rhymes zu 100% auf den Beat passen! Wenn der MC das Gefühl einfängt, das der Produzent eingentlich mit seinem Beat vermitteln wollte, diesen mit seinen Rhymes nochmals verstärkt und es entsteht "Soulmusic"! Für die Ewigkeit! Alltime Classic.

Video: Wahre Liebe

 

04) Leaving Las Vegas

Curse: Wenn "Wahre Liebe" oder "Licht und Schatten" die eine Seite von "Feuerwasser" sind, dann sind Tracks wie dieser die andere. Während der gesamten Entstehungsphase des Albums hat sich in meinem Leben sehr viel geändert und ich war hin- und hergerissen zwischen Zukunftsängsten und Zuversicht, der Suche nach mir Selbst und der "Scheiss drauf"-Mentalität. "Vegas" ist das Portrait der feiernden, ausgelassenen Zeit mit dem Klan, unseren Parties und Aktionen. Den Anfang des Songs hat Scan aus einem Live-Mittschnitt gebastelt, den er bei so einer Party gemacht hatte. Wir haben diesen Track vor dem Recording schon lange live performt und der Beat ist eigentlich ein Remix, den Scan gemacht hat, nachdem das Original als "Most Def" auf dem Brixx-Album gelandet ist.

GG: Man muss dazu wissen, das Curse und Der Klan seinerzeit dazu neigten, recht ausschweifende Parties oder besser Gelage zu feiern, wo definitiv mehr als einer über den Durst getrunken und mehr als ordentlich "geraucht" wurde. Diese Parties sind noch heute Stoff von Erzählungen und haben einige Anekdoten hervorgebracht, die man hier gar nicht wiedergeben möchte... Der Song war also ein direkter Ausdruck von der "Absturzseite" der Mindener Posse, und eben der krasse Gegensatz zu der inhaltlich tiefen und poetischen Seite für die Minden durch Curse und ARR Records bekannt wurde. "LLV" war sozusagen die dunkle Seite der Macht ;-) ...!

Busy: Lord Scans Zimmer... die 3-Fragezeichen-Tapes und diese verrückten Typen namens Italo Reno, Germany und der Rest der Gang...

 

05) Ladykiller feat. Aylah

Curse: Ich kam mir trotz meiner jungen 20 Jahre fast wie ein Dirty Old Man vor, als wir die damals gerade 18jährige Aylah in’s Studio eingeladen und ihr das Konzept des Tracks präsentiert hatten... Im Endeffekt war die Session aber extrem lustig, und ich habe meine ersten Erfahrungen als Vocalcoach gesammelt, als ich ihr versucht habe, die Stelle "Nur'n Nasenring, mit kleinen Steinen drin die Farbe bringen" vorzurappen. Viel erfolg hatte ich nicht, und das was jetzt auf dem Album zu hören ist, ist eigentlich der "falsche" Flow. Trotzdem gut!

Busy: "Geht’s vielleicht ein Stück lasziver?"

GG:  Auch wenn der Song nicht so prägend war wie andere auf dem Album und von den herausragenden Songs wie "Wahre Liebe", "Hassliebe" und "Entwicklungshilfe" überschattet wurde, haben wir den damals extrem gefeiert, als Ausgleich für das Ernsthafte dieser anderen Songs.

 

06) Entwicklungshilfe

Curse: "Entwicklungshilfe" war der erste wirklich persönliche Track, den ich je geschrieben habe. Interessanterweise habe ich mich früher gegen eben diese Art von Songs, für die man mich jetzt am Meisten kennt, eher gesträubt - aus Angst, zu viel offenbaren zu können. Der Auslöser dafür, mehr in diese Richtung zu schreiben, war die immens positive Resonanz auf "Entwicklungshilfe". Bis heute ist der Beat einer meiner Favoriten.

GG: "Entwicklungshilfe" war für mich auch ein absoluter "Magic Moment". Zum Einen, weil Iman, der damals mit Square One der absolut herausragende Produzent soulfuller Beats in Deutschland war, und Curse hier eine musikalisch perfekte Stimmung und Einheit von Flow und Text gefunden hatten. Zum Anderen, weil er stilprägend für Curse und die kommenden Alben war. Außerdem, und nicht zuletzt, weil es der Song war, bei dem Curse sich erstmalig textlich komplett "geöffnet" hat und nicht nur für sich selbst, sondern auch für deutschen Hip Hop an sich einen völlig neuen Ausdruck ermöglicht hat: Nämlich "aus der Seele" zu rappen, und nicht nur zu stylen oder zu battlen. "Entwicklungshilfe" war intern und auch extern für das Album einer der Startpunkte.

Iman Shahidi/Producer: Wenn ich heute "Entwicklungshilfe" höre, denke ich mir: "Mann, der Produzent ist bestimmt ein A.T.C.Q.-Fan und der MC ein Nas-Fan, oder?!"

Busy:
Ich habe nie verstanden, warum der Name der Titel war, aber so war "Feuerwasser" nun mal, anders und doch direkt.

 

07) Unter 4 Augen

Curse: Viele Leute haben bis heute nicht verstanden worum es geht: Es geht nicht um eine Frau, es geht um Gras/Weed! Zur damaligen Zeit war es in der deutschen Szene schon ein Qualitätsmerkmal, wenn man über’s Kiffen gerappt hat. Dieser Song entstand, als ich gerade ein paar Wochen aufgehört hatte. Weed rauchen hat mich in meiner Kreativität immer verlangsamt und eingeschränkt, aber es hat eine Weile gedauert, bis mir das bewusst wurde. Anstatt einen „Anti Drogen Song“ zu machen, wollte ich meine persönliche Story lyrisch ansprechend erzählen. Das Resultat ist dieses Zwiegespräch mit meiner „Ex-Freundin“ Marihuana.

Busy: Ich hab's während der Aufnahmesession erst auch nicht gecheckt... wir nahmen dann noch die Atmo auf und zum Schluss sagte Mike „Gras Baby“... ich drückte den Talkback auf dem Pult und sagte „Warum sagst du das erst jetzt“? Auch heute gibt’s Leute die mir sagen... “Geiler Beat, aber warum rappt der immer über seine EX?“ und ich muss schmunzeln...

 

08) Seance feat. The Arsonists, Shabazz the Disciple & Stieber Twins

Curse: Freestyle von den Arsonists kannte ich schon aus meiner Zeit in New York. Er war und ist ein extrem sympatischer und angenehmer Mensch, und die ersten Arsonists-Vinyl-Platten waren eine große Inspiration für mich zu der Zeit. Zu der Studio-Session bei den Stiebers brachte er D-Stroy und Shabazz einfach mit, und beide wollten unbedingt auf den Track, obwohl ich mehrmals gesagt hatte, dass ich kein Geld für sie hätte. Nachdem wir recordet hatten und alles im Kasten war, wollten sie natürlich doch Geld... das war vor allem frühes Lehrgeld für mich. Der Beat ist von Mr. Mar aka Martin Stieber, und es war für mich absolut unumgänglich, die Stieber Twins auf dem Album zu haben. Die Zwillinge waren für mich wie große Brüder, Inspiration und Rückhalt zugleich. Noch heute ist "Fenster Zum Hof" untouchable.

Busy:
Für mich einer der krassesten Martin-Stieber-Beats aller Zeiten und auch heute noch aktueller denn je, dazu die Vocalperformance... 100% Classic durch und durch.

GG: Man kann eigentlich gar nicht oft genug darauf hinweisen, wie viel Liebe und Support Curse seit Tag eins von den Stieber Twins bekommen hat. Die Jungs waren immer wieder für und mit uns am Start, sei es, um mit Mike Songs aufzunehmen, Beats zu produzieren und mit La Familia die wichtigste deutsche Possetrack-Maxi aufzunehmen, oder einfach, weil Sie Curse Ihren "Stamp of Approval" gegeben haben. Das sind Dinge, die wir nie vergessen werden. Curse & Heidelberg, das ist ein dickes Seil und eine lange Freundschaft, musikalisch und menschlich.

 

09) Hassliebe

Curse: Als ich mein erstes 3-Track-Demo für Jive Records machen sollte, hatte ich eine kreative Null-Phase. Nichts ging mehr. Am telefon hat mir Christian Stieber noch dazu geraten einfach das Erste aufzuschreiben, was mir in den Kopf kam, egal was, und dann rauf auf den Beat und fertig. Das Ergebnis war „Hassliebe“. Der Song war die 2te offizielle Single von "Feuerwasser", und meiner Meinung nach der erste ernstzunehmende „Ex-Freundin-Song“ im deutschen Rap.

GG:
Dieser Song zeigt, dass es manchmal 3-4 Anläufe braucht, bis Text&Flow und der perfekte Beat zusammenkommen, und daraus ein Classic entsteht. Ich finde nach wie vor, dass der Song vom textlichen Aufbau, der Hook und der Art und Weise, wie dieses, für Hip Hop doch kniffelige Thema „Ex-Freundin“ angefasst wurde, seines gleichen sucht. Nach wie vor eine Hürde, an der sich jeder „Frauen“-Hip-Hop-Song in Deutschland messen muss.

Peer/Producer:
Eigentlich ist der Track ein Remix. Curse hatte zunächst auf einen anderen Beat gerappt und ich wollte einfach noch mal etwas anderes probieren. Entstanden ist der Beat nachmittags bei Becks und Joint im ersten "Beatz Aus Der Bude"-Studio, das damals noch im Keller des Hochhauses in Köln-Longerich war, in dem DJ Lifeforce früher gewohnt hat. Ich habe Schivv (DCS) eine Kassette mit dem Track gegeben und ihn um seine Meinung
gebeten. Schivv hat die Version dann Curse am Telefon vorgespielt und der
ist ausgeflippt. "Hassliebe" zählt noch heute zu meinen Lieblingstracks
ever.

Video: Hassliebe

 

10) Kaspaklatsche feat. Der Klan

Curse: Der Song hat den Busy-Beat, den alle für eine Lord-Scan-Produktion gehalten haben. Germany und ich wollten einfach nur "flexen" und diesen absolut dreckigen Track niedermachen. Bei der Recordingsession war Reno mit im Studio, sodass er spontan die Hook aufgenommen hat. Zum ersten mal live haben wir den Song in Chemnitz performt, zu irgendeinem Open Air: Ich glaube die Leute waren geschockt.

GG:
Ich weiß noch als Busy und die Jungs mit diesem Teil um die Ecke kamen, ich war ähnlich wie das Publikum beim Open Air in Chemnitz ein wenig geschockt.

Busy: Götz hat den Song nie verstanden. Wir Bad Oeynhausen?Mindener Assis feierten es hart, ein Albumtrack, der für mich Geschichte schrieb... mein dreckigster Beat ever!

 

11) Weserwasser

Curse: Die Idee zu „Weserwasser“ ist eine der ersten für das Album gewesen. Der Song ist sicher ein bis anderthalb Jahre gereift, immer wieder umgeschrieben und neu recordet worden. Der Text ist eine Art „New York State of Mind“-Interpretation für die Athmosphäre, die damals bei uns in Minden geherrscht hat. Minden ist eine Kleinstadt, die von außen betrachtet vielleicht eine ebensolche Idylle ausstrahlt. Von Innen ist sie jedoch oft perspektivenlos, und vom Gefühl (und Wetter) her kalt und verregnet. Selbst wenn unsere Generation jetzt aus dieser „grauen Phase“ herausgewachsen ist, so ist sie in den heutigen Kids ganz genauso zu sehen. Der Beat ist einer meiner absoluten Favoriten von Lord Scan, den ich schon sehr früh im Album prozess „gebunkert“ habe. Scan war damals extrem produktiv und hatte alle ein bis zwei Wochen ein neues Beattape mit mindestens 10 neuen Songs fertig. Im Umfeld des Klans und mir brachen dann regelmäßige Kleinkriege darüber aus, wer die besonders heißen Tracks benutzen würde... im Endeffekt haben wir alle unsere Bomben bekommen und unzählige Wahnsinns-Beats aus dieser Zeit blieben bis heute unbenutzt.

GG: Ich erinnere mich noch, wie wir bei Tony Dawsey im Mastering saßen und merkten, dass wir aus Versehen eine Sieben-Minuten-Version des Songs mit einem mörderlangen Endpart mit endlosen Wiederholungen der Sample-Hook dabei hatten. Wir mussten das finale Sequenzing des Albums mitten in der Nacht nochmal unterbrechen, um den Song von Tony kürzen zu lassen - sonst hätte er ein über 3 Minuten langes Outro gehabt!   

Busy: Tony Dawsey hatte die undankbare Aufgabe, seine Frau anzurufen und seinem Baby zu sagen „Es wird spät heute!“

 

12) Auf uns ist Verlass feat. Tone

Curse: Über Roey Marquis und Azad habe ich Tone kennen gelernt. Azad, ihn und mich verband damals eine sehr ähnliche Philosophie und Herangehensweise an Rap, die sogar fast zu einem gemeinsamen Album von uns geführt hätte. Als Tone und Feedback bei uns im Studio waren, haben wir Sushi bestellt: Tone’s erstes Mal. Im Laufe des Sushi-Essens sind wir irgendwie auf das Thema „Aale“ (die Fische!) gekommen, und daraus hat sich ein Running Gag entwickelt, der sich bis zur Mastering-Session in New York durch die Albumproduktion gezogen hat. Wir waren alle so dermaßen über’s Limit hinweg, dass uns nur noch solche völlig stupiden Nonsens-Witze belustigen konnten... Noch heute muss ich lachen, wenn ich Aal-tec-Boxen sehe oder wenn Aalfons Schubeck kocht.

GG: Azad-Tone-Curse, das war für uns damals die absolut krasseste Gruppe von MC’s, die sich noch nicht durchgesetzt und etabliert hatte, deren Potential aber extrem stark war und wo man gespürt hat, dass alle Drei deutschem Hip Hop ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken würden. Das Gefühl war immer in den Songs, die die Drei zusammen, oder in 2er Kombinationen, über die Jahre hinweg gemacht haben. Pure Rap-Energie. Im Rückblick hat sich dieses Gefühl auch kommerziell bewahrheitet, und Azad, Tone und Curse haben Großes geleistet und erreicht.

 

13) Licht und Schatten feat. J-Luv

Curse: Der Text zu "Licht und Schatten" war bereits über 3 Jahre alt, als "Feuerwasser" erschien. Die erste Version des Tracks war 1996 auf dem „Alles Real“-Demo-Tape zu hören. Nachdem ich die Lyrics neu auf den Beat von Busy recordet hatte, spielte ich Azad und J-Luv das Layout vor, als sie bei mir in Minden waren. J war sofort begeistert und fing direkt an, sich Notizen zur Hook zu machen. Ein paar Monate später haben wir recordet. Das Lustige für mich ist immernoch, wie extrem Busy und ich uns über den Hall-Effekt auf der Snare in die Haare bekommen haben: Ich fand ihn nämlich viel zu übertrieben. Zum Glück hat Busy ? wie so manches Mal - behauptet, die Files wären weg und er könne es nicht mehr ändern... denn wenn ich mir den Track heute anhöre, freue ich mich jedes Mal über diese geile, verhallte, dicke Snare!  

Busy:
Für alle die, die diese Snare mit dem Gate-Hall feiern... es war das DP4+ von Ensoniq... Standard Preset... ich hab die Einstellung nie verloren, ich wollte sie bloß nie ändern. War immer meine persönlicher No.1-Single.

GG: Damals gab es extrem wenige Songs, auf denen Rap und - vor allem deutscher - Gesang gut verbunden und mit einem sinnvollen Thema umgesetzt worden waren. In 90% der Fällen waren die Songs mit „Gesangshooks“ auf den Alben von Rappern, wo die Majorplattenfirma sich durchgesetzt hatte und versucht wurde, eine kommerzielle Single zu produzieren. Es gab nur sehr wenige Sänger/Innen in Deutschland, die damals die nötige textliche und stilistische Voraussetzung mitbrachten, um so etwas aus Hip-Hop-Sicht gut zu machen. J-Luv war und ist da einer der absoluten Ausnahmekünstler, und dieser Song war für uns alle etwas Besonderes und hat seitdem immer wieder Kollaborationen von Curse und J-Luv inspiriert und nach sich gezogen.

 

14) Schlussstrich

Curse: Dieser Song ist neben „Wahre Liebe“ der für mich bedeutendste auf „Feuerwasser“. Die Geschichte, die teils Traum, teils Realität ist, erzählt von kalkuliertem Selbstmord, und davon, was mich dazu bringt. Der Beat entstand aus einem Layout von Busy auf der SP, das wir 10 BPM langsamer gepitcht haben, um dann die Samples auszudünnen und die Drums zu verändern. Ich würde sagen, dass der Beat die erste Curse Co-Produktion ist (Busy, Einspruch?).

Busy: Einspruch... wir haben nach dem ultimativen Song gesucht, besser gesagt Mike. Ich war dann Platten diggen in 'nem Record-Store und fand diese Audiophile Platte... Drums, Bass und sogar das Tippen der Schreibmaschine waren darauf... alles SP1200... ich hab sogar noch die Diskette. Das war der ultimative Abschluss. Auch wenn Mike ein bisschen Recht hat...

Curse: Der Song endet mit dem Missions-Statement von "Feuerwasser", und von mir als Artist: „Mit oder ohne Euch“.

Busy: Das Statement war: "Du und ich" :-) Unser erstes Album hat einen Schlussstrich!

 

Abschließende Fragen & Antworten

Was waren der erste und letzte Track, die aufgenommen wurden?

Curse: Der erste Track, der textlich entstand, war „Licht und Schatten“. Welchen wir letztendlich zuerst aufgenommen haben weiß ich nicht mehr, dafür aber, dass der letzte Song, den wir recordet haben, „Was Is...“ war. Ich erinnere mich, wie ich das Studio nach einer der diversen LP-produktions-typischen „Auseinandersetzungen“ (auf Deutsch: Streit mit Anschreien und Studio-Rausschmiss) verlassen habe, um erstmal eine Woche in die USA zu fliegen - ohne dass es einer der Jungs wusste. Letztendlich habe ich die finale Version des Songs in den 2 Tagen aufgenommen, die mir zwischen der Rückkehr von dort und dem Flug nach Südafrika blieben, wo wir das Video zu „Wahre Liebe“ gedreht haben. Die Endphase der Produktion war sehr intensiv, wir alle standen unter großer Anspannung und persönlichem Druck.

 

Denkst du, dass es nach wie vor dein populärstes Album ist?

Curse: Ich muss sagen, dass ich mich etwas wundere, dass „Von Innen nach Aussen“ nicht zusätzlich zu "Feuerwasser" hier steht. Nach vielen Feedbacks die ich im Laufe der Zeit bekommen habe, schien mir das Album immer am „beliebtesten“. Ich bin sicher, es kommt darauf an, wen man fragt. "Feuerwasser" war rohe Energie, es war unerwartet emotional und intensiv, und es kam zu einem Zeitpunkt, an dem es außer Stuttgart und Hamburg nichts anderes auf der Hip Hop Karte gab. Das Album, und ich als Rapper, kamen aus dem „off“, waren anders, unkonventionell, ein Rohdiamant.

GG: Dieses Album hat es geschafftt, drei deutsche Hip Hop Classics hervorzubringen: "Wahre Liebe", "Zehn Rap Gesetze" und "Hassliebe", und das bei nur 14 Titeln. Diese textliche Tiefe, die einen so emotional berührte, und die abseits der damals üblichen Themen lag, hatte es in der Form und Qualität noch nicht gegeben. Daher ist es zu Recht das Album, welches Curse den Durchbruch brachte.

Busy: VINA ist mein persönlicher Favorit, weil es einfach ausgefeilter war und eine Weiterentwicklung darbot, die wir uns alle gewünscht hatten: die Beats tiefer und die Lyrics erwachsener. "Feuerwasser" war aber etwas Besonderes für uns in jeglicher Hinsicht... seit 1993, als ich Mike kennenlernte und wir zusammen unseren ersten Longplayer formten... und jetzt ist er tatsächlich ein Classic... “Wir hatten einfach zum richtigen Zeitpunkt Funk im Arsch“!

 

Wie lief der exakte Entstehungsprozess damals?

Curse: Auf der einen Seite hatte ich eine große, ambitionierte Vorstellung von dem, was das Album sein sollte. Auf der anderen Seite habe ich einfach Beats gepickt und geschrieben. Ich habe alle Tracks bei Busy aufgenommen, meist waren wir bis tief in die Nacht im Studio und oft kam ich im Morgengrauen nach Hause mit neuen Aufnahmen und Beats, und habe meine Freundin geweckt, um ihr den Schlaf mit Musik zu ersetzen. Geschrieben habe ich fast immer zuhause, und die Texte oft wochen- oder monatelang mit mir herumgetragen, ausgefeilt, meinen Jungs vorgerappt und mehrmals umgeschrieben, bevor ich sie aufnahm.  Ich war schon damals sehr eigen in der Beatauswahl, und so sind bestimmt über 300 Beats durchgelaufen, bevor wir die 14 Tracks zusammen hatten. Die Attitude von mir war vom Außenseitertum geprägt. Ich hatte keine Major-Act-Features wie Sam bei den Beginnern oder Afrob bei den Stuttgarter Jungs. Wir haben in Minden unsere komplett eigene Suppe gekocht. Mein Anspruch an das Album, und an mich selbst, war es, einfach der „krasseste“ zu sein, in allem was ich tue, und in jeder Form. Daher gibt es auch eher viele verschiedene Facetten statt einer großen Homogenität auf dem Album: Mein Ziel war es, alle Aspekte meiner Persönlichkeit und meiner Versiertheit als MC zu präsentieren. Ich wollte mich in keinem Fall limitieren oder einschränken. Dass ein paar bestimmte Songs später mehr herausstachen als andere, nämlich besonders die persönlichen und tiefgehenden, hat meine weitere Entwicklung als MC stark beeinflusst.

GG: Mike hat sich damals ? wie heute - aus einem sehr engen ausgewählten Kreis von Produzenten, mit denen er auch persönliche Freundschaften und Geschichte hatte, Beats rausgesucht und seine Songs dazu geschrieben. Wir alle wollten das krasseste, eigenständigste Album machen, was uns möglich war. Und demnach waren keinerlei „strategische“ Features mit den damals vorherrschenden Hamburger oder Stuttgarter Kollegen vertreten, und auch keine Beats aus diesen Camps. Es war uns extrem wichtig, eine völlig eigene Farbe im deutschen Hip Hop durchzusetzen, die damals fehlte.

Busy: Aus meiner Sicht war es ein wahnsinniger Lernprozess. "Busy, die Kick klingt scheiße" und ich musste meinen Puls runterbringen... heute schlägt mein Puls normal; weil ich die Kick im Vorherein so mische, wie ich denke, wie er sie gerne hätte... bzw. die Erfahrung von damals bis jetzt und 3 weiteren Alben uns erfahrener gemacht hat.

 

Die Zeit damals, was verbindest du sonst damit?

Curse: Viel Tumult, Turbulenzen und innere Unruhe. Es war die Phase zwischen dem geregelten Leben und der ungewissen Zukunft. Das Geld war knapp, die Wohnung klein, Freundschaften zerbrachen und entstanden neu. Deutscher Hip Hop war im Aufschwung, es gab endlich gute Leute und hochwertige Alben, aber alles war noch übersichtlich genug, um jeden zu kennen und mitzubekommen, was bei anderen passiert. Das Millenium stand an, und überall herrschte eine Athmosphäre von Veränderung. Diese Stimmung des Aufbruchs, der Möglichkeiten, aber auch des Ungewissen, haben wir im ganzen Team während der Produktion gespürt.

GG: Es war eine absolute Auf- und Umbruchstimmung, die niemand so verkörpert und gelebt hat wie Mike während der Entstehung dieses Albums.  Nichts war sicher, nichts war klar, aber wir wollten etwas verändern und bewegen!

Busy: Es war für mich eine krasse Zeit... produzieren, recorden, mixen, mit anderen Producern zusammenzuarbeiten. Das Privatleben wurde an hinterste Stelle gestellt, und nebenbei gab es noch Remixe für andere Artists zu machen.  Alles in allem war dieses Album sehr persönlich, verbunden mit vielen Emotionen.  Außerdem habe ich seit der Zeit 15 Kilo Gewicht verloren!

 

Wusstest du vorher, wie sich das Album anhören soll?

Curse: Ich hatte eine grobe Vorstellung davon, dass es vielseitig sein sollte, roh und rau, erdig und vor allem lyrisch intensiv. Früher habe ich mich viel weniger mit Sound beschäftigt und mein Augenmerk galt vor allem dem Gefühl, das das Album vermitteln sollte. Dieses „Gefühl“ war vor allem das Spürbar-Machen meines Mindstates: Außenstehend, intensiv, unerwartet, undeniable.

Busy: Ich glaube das wusste niemand, ausser Mike, der immer sagte, und auch heute noch sagt: „NAS' erstes Album - da will ich hin“!

 

Hat sich mit der Zeit etwas an eurer Herangehensweise verändert, im Gegensatz zur Arbeit an „Feuerwasser“?

Curse: So ziemlich alles was man sich vorstellen kann. Ich habe fast alle Texte von "Feuerwasser" über amerikanische Rap-Tracks geschrieben, auf denen die Texte noch mitliefen! Ich konnte gar nicht auf Instrumentals schreiben. Mitlerweile schreibe ich immer und ausschließlich auf den jeweiligen Beat. Was die Produktion angeht, waren wir alle recht neu und unerfahren und haben einfach drauf losgearbeitet. Heute ist alles um Längen routinierter und wir probieren ganz andere Dinge aus.

GG: Die Unschuld und dieses positiv Naive, wie man damals an Produktion und Soundgestaltung herangegangen ist, hat sich mit dem Wissen, dem Erfolg und der Erfahrung natürlich stark verschoben. Heute genießt man es, sich im Studio musikalischer an die Sachen ranzubewegen, mit Sampling, Programming, aber auch Live-Musik bis hin zu Streicher-Arrangements auszutoben, die Grenzen immer weiter zu verschieben und das Ganze textlich und musikalisch wachsen zu lassen, ohne die Rohheit und Direktheit, die man liebt, zu verlieren. Früher war es der Genuss, die Sachen „einfach“ zu machen, heute ist es der Genuss, die Sachen „bis ins Details“ zu machen.

Busy: Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Naivität von damals vermisse. Vieles heutzutage basiert auf Erfolg und Chartposition. Seit damals ist viel passiert, und manchmal wünsche ich mir die alten Zeiten zurück. Letztendlich sind wir zwar Hip Hop, aber mir machen Musik. Hip Hop findet heute leider nicht mehr in der Form statt wie damals, als wir angefangen haben. Es ist nicht mehr raw.

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